4. Bericht
Mittwoch, 3. September 2008 | Autor: birte
1. September 2008
Ich durfte bei Ritters das Internet nutzen und konnte meinen 3. Bericht online stellen. Wundert euch bitte nicht, dass ich eure E-Mails noch nicht beantwortet habe… Alleine das online stellen des Berichtes dauerte geschlagene 45 Minuten…und das lag nicht an meiner Unfähigkeit, wie ihr jetzt vielleicht denken mögt, sondern daran, dass die Verbindung immer wieder zusammenbrach und die Seiten so ewig langsam geladen wurden. Ja, es gibt eben noch Erdteile, in denen das Internet seeehr langsam arbeitet, aber man freut sich ja, dass es überhaupt arbeitet… und man lernt, sich in Geduld zu üben (das kann gerade für die nächsten Monate in der äthiopischen Kultur für mich nur von Vorteil sein…). Wie dem auch sei, ich habe folglich meine E-Mails gar nicht erst abgerufen, sondern lediglich den Bericht hochgeladen. Auch die Frage, ob ich nicht noch ein paar mehr Bilder online stellen könnte, sei hiermit beantwortet. Ich kann die Freundlichkeit, das Netz über fremde PCs nutzen zu dürfen nicht überstrapazieren, wer weiß, wann ich meinen eigenen Account endlich bekomme und wie oft ich bis dahin noch auf die Freundlichkeit meiner Mitmenschen angewiesen bin… Sobald ich meinen eigenen Zugang habe, werde ich – egal wie viel Zeit es in Anspruch nehmen mag – ein paar mehr Fotos veröffentlichen.
2. September 2008
Heute Vormittag betrachtete ich das Fernschulmaterial etwas genauer. Der Mathematikunterricht wird anhand des Mildenbergers durchgeführt. In Deutsch werden Druck- und Schreibschrift gleichzeitig eingeführt (Lateinische Ausgangsschrift). Die Fibel heißt „Ich bin Susi“ und statt „Fu“ spielt „Globulus“ eine tragende Rolle. Die beiden scheinen aber durchaus viele Gemeinsamkeiten zu haben. Nur, dass Globulus keine Socke mit Knopfaugen ist sondern ein kleines, pfiffiges Menschenkind. Alle 14 Tage werden die Tests, die bis dahin bearbeitet wurden gesammelt an die Deutsche Fernschule in Wetzlar geschickt, wo sie von einer ausgebildeten Betreuungslehrkraft korrigiert und bewertet werden. Ein Vorschlagsstundenplan so wie sämtliche Materialien (Schere, Klebstoff, Füller, Bleistifte, Wachsmaler, Tuschkasten, Zeichenblöcke, Mathe- und Schreibhefte, Begleit-Cds, etc.) wurden von der DFS beigefügt. Allerdings muss ich erst einmal sehen, wie das mit dem Englischunterricht aussehen soll. Im Stundenplan sind 2 Wochenstunden vorgesehen, aber Material und Unterrichtsstoff wurden nicht mitgeschickt. Ich bin jedenfalls schon ganz gespannt und werde euch -gerade am Anfang-bestimmt auf dem Laufenden halten.
Kurz vor dem Mittagessen wollte Tagesetsch wissen, ob ich Wäsche zum waschen hätte (jaha, ich habe sie verstanden…). Ich verneinte und nutzte die Gelegenheit, mir ein paar weitere Worte beibringen zu lassen. Nach dem Essen machte ich dann einen Spaziergang, indem ich durch das Loch im Zaun (hinter meinem Haus –ich berichtete davon)kroch und dort den Weg entlang spazierte, mit Kamera und Fotoapparat bewaffnet, um die Landschaft zu fotografieren. Es ist wirklich wunderschön hier und ich genoss es, im Schatten der Bäume den Weg entlang zu laufen. Mir kamen Menschen mit Eseln (beladen, mit Karren oder ohne) und Frauen, die Holz holten entgegen. Alle grüßten freundlich (entweder sie nickten mir zu oder sie sagten „Salam“), einige fragten mich etwas, das ich nicht verstand. Eine Gruppe Jugendlicher bat mich, sie zu fotografieren und ich tat ihnen den Gefallen. Als ich einen Moment ausharrte und den Blick über die Landschaft genoss, sprach mich ein Mann auf Englisch an und fragte, woher ich käme. Wir unterhielten uns eine Weile, bis er mich fragte, ob ich seine Kinder fotografieren wolle, sie würden sich sicherlich sehr freuen. Wir standen direkt vor seinen beiden Häusern und so ließ ich mich darauf ein. Er bat mich, ins Haus einzutreten und seine jüngeren Kinder kamen sofort an und reichten mir voller Respekt die Hand. Seine ältere Tochter musste sich noch „hübsch“ machen, man wird schließlich nicht jeden Tag fotografiert. Auch seine Frau freute sich, als ich sie fragte, ob ich auch sie fotografieren dürfte (alles andere erschien mir unhöflich und da ich sie auf Amharisch fragte, gab es auch keine Missverständnisse). Ich fragte den Mann (dessen Namen ich schon wieder vergessen habe), ob ich auch das Haus von innen fotografieren dürfe. Er erlaubte es mir und zeigte mir daraufhin auch noch den Stall mit seinen beiden Kühen und Schafen. Das Haus besteht aus einem riesen Wohnraum, der in zwei Teile abgetrennt ist. Im Eingangsbereich befinden sich Sitzmöglichkeiten (ein Tisch mit Stühlen und Sessel) im hinteren Teil, der nur durch einen Vorhang abgetrennt ist, befinden sich der Fernseher, der Kühlschrank und ein Wandregal mit Wandschränken. Die Hühner laufen im Haus herum. Ich wünschte, ich könnte die Fotos schon online stellen, es lässt sich so schwer beschreiben. Mir wurde noch der große Garten mit den Tomatenbäumen gezeigt, dann verabschiedete ich mich. Ich denke, diese Familie ist – für äthiopische Verhältnisse – schon relativ wohlhabend. Umso deutlicher wird, was es heißt, dass Äthiopien eines der(oder sogar das) ärmsten Länder der Welt ist.
Die Freundlichkeit beeindruckt mich immer wieder von Neuem. Wer würde in Deutschland schon wildfremden Leuten, die definitiv wesentlich wohlhabender sind als wir selbst, den Zutritt in sein Haus gewähren?
Auf dem Rückweg sah ich an einer Pfütze einen jungen Mann stehen, der aus der lehmigen, braunen Pfütze Wasser in seinen Wasserkanister schöpfte. Er bat mich, ihn nicht zu fotografieren und ich respektierte seinen Wunsch. Anschließend traf ich auf zwei weitere junge Männer, die mich irgendetwas fragten. Als ich nicht verstand, deutete mir einer der beiden an, ich solle warten und lief davon. Kurz darauf kam er mit einer Horde von Kindern im Schlepptau wieder, die mich skeptisch von Ferne betrachteten (so müssen sich die Tiere im Zoo vorkommen…), bis ein Mädchen den Mut fasste, zu mir zu kommen und mir die Hand zu reichen. Da war der Bann gebrochen und auch die anderen Kids taten es ihr gleich. Kurz darauf kam ein weiterer junger Mann dazu und fragte, woher ich käme. Er lebt ebenfalls auf dem compound, im Bereich der Studenten. Er zeigte mir die Schule, vor der wir gerade standen – allerdings nur von außen. Wir unterhielten uns noch eine Weile und dann kletterte ich (von den Kids ungesehen, das war gar nicht so einfach) durch ein anderes Loch im Zaun wieder zurück auf den compound. Dort kam mir dann eine äthiopische Angestellte meines Nachbarn entgegen (ich kannte bisher weder sie noch meinen Nachbarn Franz). Es war mir etwas unangenehm, ichzeigte ihr das Loch und erklärte ihr, dass ich die neue Lehrerin sei und somit war das alles gar kein Problem.
Wieder bei mir, setzte ich mich auf die Veranda und las, bis Fu-Lan kam, um Blumen aus meinem Garten zu „klauen“ und sie bei sich einzupflanzen (sie hat nur gelbe Pflanzen, keine roten). Kurz darauf kam Stefan noch und stellte mir Franz, meinen Nachbarn vor, der gerade von seinem Deutschlandurlaub zurückgekehrt ist. Er meinte in einem Nebensatz, dass er das warme Wasser ausgestellt habe, weil der Schlauch zum Heizkessel undicht sei, aber das hätten wir ja sicherlich schon gemerkt… Ähm… Nein, hatten wir – wie ihr wisst – nicht. Er guckte sich das an und wunderte sich auch über den sehr geringen Wasserdruck, der aus meiner Leitung kam… Ein Handgriff und jetzt habe ich heißes, fließendes Wasser und normalen Wasserdruck. Morgen wollen wir nach Hossaina zu „Obi“ fahren (da bin ich ja mal gespannt, was sich da hinter wohl verbirgt…)und neue Schläuche – auch für die Toilette kaufen… Er konnte es kaum glauben, dass ich bisher immer kalt geduscht habe.
Ich gebe zu, die Aussicht auf eine warme Dusche und eine funktionierende Toilette ist SEHR verlockend. Aber ich denke, es war auch keine schlechte Erfahrung, mal ohne auszukommen. Es ist eben doch nicht alles so selbstverständlich, wie es uns manchmal vorkommen mag.
Ich bin jetzt seit genau einer Woche in Hossaina. Mir kommt es, bei dem was ich bisher erlebt habe, länger vor. Andererseits weiß ich, dass ich vieles noch nicht gesehen/ erlebt habe. Ich fühle mich hier jedenfalls sehr wohl.
3. September 2008
So, heute Vormittag kam mein Nachbar herüber und maß die Schläuche aus. Er stellte fest, dass ich ja ganz alleine hier leben würde, ohne fest in die Familie integriert zu sein. Daraufhin brachte er, als er mich zum Einkauf abholte, seine externe Festplatte mit, auf der er zig Filme gespeichert hat, damit ich sie auf meine externe Festplatte ziehen kann und mich abends nicht langweilte. Total nett.
Wir fuhren dann nach Hossaina rein und ich kam auch mal in Gegenden, in denen ich noch nicht war. Der „OBI“ ist ein Laden, wie alle anderen Lädchen auch…Allerdings bekommt man dort wirklich viel (Telefone, Kabel, Wasserschläuche, Sägen, etc.). Mir wurde die Apotheke gezeigt und der „Saftladen“ (eine riesige – wirklich riesige – Getränkelagerhalle, in der man Pepsi, Sprite, Mineralwasser, Wein, Fanta, etc. bekommt). Mir wurde auch das Krankenhaus gezeigt, das oben auf dem Berg errichtet wurde. Was sie beim Bau jedoch nicht bedacht hatten, dass sie dort keine Wasserversorgung haben. Das Problem haben sie wohl bis heute noch nicht lösen können…
Wir gingen dann im Mobil-Hotel noch einen Makijato trinken. Mein Nachbar berichtete mir, dass man dort auch recht gut und günstig zu Mittag essen könnte, er mache das samstags fast regelmäßig. Er bot mir an, ihn mal zu begleiten. Ebenso meinte er, dass er samstags meist seine Einkäufe erledige, wenn ich mitwollte, wäre das kein Problem.
Heute Mittag aß ich bei Ritters und Fu-Lan gab mir den Schlüssel für die Schule. Ich guckte mich – neugierig wie ich bin – gleich dort um. Es gibt 2 Klassenräume, eine Abstellkammer und ein Badezimmer.
Jetzt gehe ich zu Jürgen, um den Bericht online zu stellen und ggf. E-Mails abzurufen.Fahren morgen übrigens doch nicht nach Awasa, ist hier halt alles etwas flexibel….
Danke, Birte. Das war der bisher spannendste Bericht (obwohl die anderen natuerlich auch hochinteressant waren). Tolle Gelegenheit, das Haus einer einheimischen Familie besuchen zu duerfen. Ich freue mich auf die Photos.
Ich beneide dich wirklich – waere auch gern dort etwas Neues kennenlernen. Aber wir versuchen hier auch, uns kulturell zu bereichern. Ab naechster Woche wird Yona einmal in der Woche in die spanische pre-school gehen. Hatte ich dir das schon erzaelt? Eine Sprachschule hat jetzt hier eine Zweigstelle aufgemacht. Super, weil ich befuerchtet hatte, Yona wuerde sonst bald kein Spanisch mehr verstehen. Und weil sehr viele Anmeldungen waren, brauchten sie einen Lehrassistenten und habe mich gefragt! Habe mich schon tierisch gefreut (es wuerde ja auch meinem Spanish sehr helfen), aber nun haben sie doch abgesagt, weil sie eine erfahrene mexikanische Kindergaertnerin gefunden haben.
Naja, dann muss ich wohl doch mit meinen anderen Jobs weitermachen. Dafuer bleibt mir aber auch mehr Zeit, unsere deutsche Samstagschule vorzubereiten. Wir haben dafuer keinen Lehrer gefunden (zu wenig Deutschsprachige hier) und werden jetzt die Schule als Co-op leiten.
Bis bald und bitte zeige Photos!
Muck