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Das Meskel – Fest: 26.09.2008

Das Meskel-Fest („Die Auffindung des wahren Kreuzes“)
Hintergrund:

Das Meskel Fest ist eines der bedeutendsten christlichen Feste des Landes und wird in Äthiopien seit dem 4. Jahrhundert gefeiert. Es erinnert an das Auffinden des Kreuzes, an dem Jesus gekreuzigt wurde sowie an die feierliche Präsentation am darauffolgenden Tag. Der Legende nach befand sich die Mutter Kaiser Konstantins des Großen (Königin Helena, die es angeblich im Jahr 327 fand) auf einer Pilgerreise nach Jerusalem und entzündete einer göttlichen Vision folgend ein Feuer. Dem Rauchverlauf folgend, wurde ihr der Weg zu dem versteckten Kreuz gewiesen. Vorher sollen die Gläubigen, insbesondere die Kranken, durch Berühren des Kreuzes geheilt worden sein. Die heilige Helena gab daraufhin Teile des Kreuzes an verschiedene Kirchen.

Das äthiopische Meskel (das Wort Meskel bedeutet Kreuz; andere Schreibweisen sind: Mascal, Mesecel, Maskal, Masqal, Masqel) wird mit langen Prozessionen, dem Anlegen von Festgewändern, etc. begangen.

Im ganzen Land werden schon Wochen vor dem Fest Holzhaufen aufgebaut, die nach der kirchlichen Zeremonie am Abend vor dem Meskel Fest als „Demera“ (amharisch: Holzstapel, -haufen) entzündet werden.

Das Meskel-Fest zeigt auch das Ende der Regenzeit und somit den Anfang des Frühjahres an. Dieser Übergang spielt in der Gegend von Hossana eine große Rolle, da damit traditionell das neue Jahr beginnt. Nach dem julianischen (äthiopischen) Kalender wird es regelmäßig am 17. Maskerem gefeiert, nach dem gregorianischen Kalender fällt das Fest hingegen auf den 27. September, in Schaltjahren auf den 28. September). In Äthiopien ist dieser Tag ein unbeweglicher, gesetzlicher Feiertag.

26. September 2008 – Der Vorabend des Meskel-Festes
Überall in den Städten werden große Zeremonien gefeiert, so auch in Hossana. Dabei bildet ein riesiges Kreuz aus einem aufgestapelten Haufen aus Holz, Sträuchern und Meskelblumen, die nur in dieser Zeit blühen, den Mittelpunkt der Zelebration, das zum Höhepunkt der Feierlichkeiten angezündet wird. Ich vermute, dass es Priester und Mönche waren, die sich in farbenfrohen Gewändern auf dem eigentlichen Marktplatz Hossanas versammelt hatten. Auch die anderen „Besucher“ zeigten sich, sofern sie es sich leisten konnten, in ihren schönsten und prächtigsten Gewändern, um das Fest gebührend zu feiern. Im warmen Licht der Sonne blitzten farbenfrohe Gürtel, Schleifen und Hüte sowie Sonnenschirme, mit Kordeln und anderen Dingen geschmückt. Viele Zuschauer trugen ein traditionelles amharisches Festgewand, ganz in weiß; die Frauen, ihre langen Kleider aus Baumwolle, verziert von buntgestickten Rüschen und weiße Schärpen über den Schultern tragend. Die Männer trugen weite, dünne Baumwollhosen und -hemden, die von knielangen Tüchern eingehüllt waren. Ich vermute, dass nicht wenige der Frauen zuvor noch schnell beim Friseur gewesen waren.

Die Menschenmenge stand in einem großen Kreis um das hohe Kreuz und seinen Holzhaufen, geschmückt mit Laub und Blumen, herum. Zu Beginn der Zeremonie erschien es mir, als seien nicht die Zeremonie und das Kreuz die Attraktionen des Spätnachmittages, die die Aufmerksamkeit auf sich zogen, sondern eine weiße Besucherin des Festes. Erst waren es nur drei kleine Mädchen, die sich um mich scharrten, mich anlächelten und zaghaft meine Hand nahmen, als ich sie ihnen reichte. Doch binnen weniger Minuten hatte sich eine Traube von Kindern (Jungen und Mädchen) um mich versammelt. Die drei kleinen Mädchen hielten sich an meinen Armen und an meinem Bein fest, um – so wirkte es zumindest auf mich – den Platz bloß nicht einem anderen Kind zu überlassen.

Die Anzahl der Besucher wuchs stetig. Die Menschenmasse wurde von polizeilichen Aufpassern von dem Holzhaufen und den Priestern ferngehalten. Es schien, als wären alle Einwohner Hosannas erschienen, um an dem Fest teilzunehmen. Um einen guten Blick auf das Ereignis zu haben, kletterten einige Leute auf einen hohen Baum oder beobachteten es von Dächern aus.

Die Zeremonie wurde musikalisch vor allem durch Trommeln und orthodoxe Gesänge untermalt.

Durch Lautsprecher ertönte die Stimme eines (so vermute ich) Priesters. Verstehen konnte man jedoch kaum etwas. Nicht nur aus sprachlichen Gründen J. Die Qualität war miserabel. Die Lautstärke war nicht ausreichend und es gab viele Störgeräusche.

Nachdem die eindringliche Rede beendet war, erklangen Freudenschreie(sogenannte „Ililta“, die durch Zungenschläge entstehen) aus der Menschenmenge, die immer lauter wurden. Es ist die äthiopische Art, Begeisterung und Freude auszudrücken (ich erwähnte das schon einmal in meinem Bericht über die Feier der Schuleröffnung).

Die Menschenmasse wuchs immer weiter, die Anspannung unter den Zuschauern war deutlich wahrzunehmen. Die Menge, die sich immer weiter nach vorne schob, musste von den Aufpassern zurückgewiesen werden. Ein Festzug schritt durch einen Gang, zwischen den buntgekleideten, sogenannten „Debtera“ (Diakone, Sänger und Tänzer der äthiopischen orthodoxen Kirche) hindurch, bis hin zum Kreuz. Es wurde gesungen und getanzt, und dann sah man Rauch aufsteigen: Der Holzhaufen war angezündet und kurz darauf loderten die ersten Flammen auf. Die Menge jubelte und es sammelte sich eine Gruppe, die um das brennende Kreuz herum lief und tanzte. Die Freude der Menschen hatte mich spätestens zu diesem Zeitpunkt ergriffen. Die Menschen, die bisher abseits gestanden hatten, versammelten sich um den Mittelpunkt der Zeremonie. Die Gruppe, die um das brennende Kreuz tanzte, wurde immer größer. Es wirkte, wie eine Horde Verrückter, aber es war schön anzusehen. Die Trommeln wurden geschlagen, es wurde gejault und gesungen. Es herrschte eine sehr freudenvolle Atmosphäre, die sich kaum in Worte fassen lässt.
Die Flammen wurden immer größer, das Holz knisterte laut, manchmal wirkte es sogar etwas bedrohlich und Asche flog in riesigen Mengen durch die Luft.

Emnet zog mir meine Strickjacke bis nach oben hin zu; ich dachte, sie wolle mich ersticken. Als sie jedoch kurz darauf ein Stückchen heiße Asche in den Ausschnitt bekam, verstand ich ihr Handeln sehr gut.

Hinter den Absperrungen war die steigende Unruhe der Zuschauer deutlich zu spüren. Das Feuer hatte nun den senkrechten Teil des Kreuzes erreicht. Das Gehölz knackte laut und bedrohlich. Die tanzende Gruppe löste sich auf und die Menschenmenge schob sich zurück. Die Flammen sprangen auf die Querstrebe des Kreuzes über und das Kreuz neigte sich unter dem Gegröle der Menschenmassen zunehmend zur Seite. Plötzlich gab es eine heftige Bewegung und mit einer enormen Wucht stürzte das Kreuz in sich zusammen.  Das Zusammenfallen des aufgestapelten Kreuzes ist der Höhepunkt des Festes. Jetzt wirkten die Zuschauer als wären sie wie wilde Tiere plötzlich freigelassen. Sie stürzten auf das am Boden liegende, brennende Kreuz zu, in der Hoffnung ein Stück des heiligen Kreuzes ergattern zu können.

Es war jetzt 18.50 Uhr, und für uns war dies der Zeitpunkt zu gehen. Emnet erzählte mir auf dem Nachhauseweg, dass viele Leute bleiben würden, bis nur noch Asche da wäre. Denn auch die Asche sei für die Gläubigen heilig und kostbar. Kreuze würden auf die Stirn gezeichnet und manche würden sogar ihr ganzes Gesicht mit der Asche einreiben.

Wieder zurück auf dem compound lud ich die ersten Bilder hoch und begann meinen Bericht zu verfassen. Ich rief Klaus noch an, da er mich ja morgen an Franz‘ Stelle mit zu der großen Meskel-Zeremonie mitnehmen will. Wann es losgeht, konnte er mir jedoch heute noch nicht sagen. Emnet erkundigte sich telefonisch, ob ich gut zu meinem Haus gekommen sei. Wie nett.
Heute Abend klopfte die zweite Schicht der Nachwächter an die Türen und tanzte. Ich fotografierte sie und versprach, jedem von ihnen einen Abzug zukommen zu lassen und gab auch ihnen etwas Geld.

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